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Kategorie: Leben, Medien
20. Dezember 2007

“Eine Lüge ist eine Aussage, von der der Sender … weiß …, dass sie unwahr ist, und die mit der Absicht geäußert wird, dass der … Hörer sie trotzdem glaub(t).”

So definiert es das Online-Lexikon Wikipedia. Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt sind mit ihrem Buch “Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! Eine Weltgeschichte der Lüge” seit Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste vertreten: Man sollte meinen, dass in Deutschland breite Übereinstimmung herrscht in der Frage, was eine Lüge eigentlich ist.

Im Januar trat die ZDF-Moderatorin Andrea Kiewel (“Fernsehgarten”) in der Talkshow von Johannes B. Kerner auf und beschrieb ihre jüngste, erfolgreiche Diät. Dabei erwähnte sie die Firma “Weight Watchers” so oft, dass der sonst nicht gerade investigative Moderator nachhakte: „Nur, dass wir das einmal geklärt haben: Du bist normales Mitglied, Du zahlst alles selbst, keine Vergünstigungen?“ Kiewel: „Keine Werbeverträge.“

Erst vor ein paar Wochen stellte sich heraus – und wurde von den Medien hinlänglich erörtert -, dass Kiewel durchaus einen PR-Vertrag mit dem Unternehmen hatte. Mehr noch: Unter Punkt sechs des Papiers wird die Vereinbarung eines “Sonderhonorars” eingeräumt, falls die Moderatorin die “Weight Watchers” in einem “besonders erwünschten Format” platziert. Genannt werden “Wetten, dass …?”, “Stern TV”, “Beckmann” und “Kerner”.

ZDF-Programmdirektor Bellut erklärte die laut Kiewels Management “absolute Ausnahme” zur “sehr ernsten Angelegenheit”, die der Sender ausdrücklich “missbilligend” zur Kenntnis nahm. Kiewel stand unter Druck. In ihrer jetzt veröffentlichten Entschuldigung heißt es:

“Selbstverständlich hätte ich einräumen müssen, dass es eine PR-Vereinbarung gab, in deren Rahmen es zu einem Foto-Shooting und einem Interview-Termin kam. Das war ein Fehler, für den ich mich ausdrücklich bei den Zuschauern und den Kollegen vom ZDF entschuldigen möchte.”

Sie betont allerdings, dass sie für die Kerner-Sendung kein Sonderhonorar bekommen hätte. Das Alles kommt fast ein Jahr nach Ausstrahlung der Sendung. Den vermeintlichen Werbe-Effekt dürfte es nicht mehr beeinflussen. Das bisschen Medienwirbel wird Kiewel auch noch verkraften.

Und weiter moderieren.    [...mehr]


Kategorie: Leben
20. Dezember 2007

So oder zumindest so ähnlich wird es wohl heißen, wenn sich die Fahrgäste der 2. Klasse in die komfortablen Regionen der 1.Klasse begeben möchten, selbst wenn die Klasse des einfachen Volkes zum Bersten überfüllt ist und im Luxusreich der Bahn noch genügend Platz ist.

Ab jetzt wird bei der Deutschen Bahn die Zwei-Klassen-Gesellschaft auch in der Praxis umgesetzt. Auslöser für die strikte Trennung des elitären vom egalitären Volk waren die Wanderungen der unteren Klasse kurz vor dem Aussteigen in den Kopfbahnhöfen wie München, Frankfurt oder Leipzig, wo die feine Gesellschaft sich von den Heerscharen niederer Bürger in den Abteilen der 1. Klasse belästigt fühlte. Die Bahn sah sich gefordert und legte fest, die Zweite-Klasse-Fahrer dürfen jetzt nur den Zug über die ihnen zugeteilten Ausgänge verlassen. Eine hörbare Welle der Erleichterung schwappte bei dieser Aufforderung durch die Abteile der Luxusklasse. Endlich einmal in Ruhe den Mantel anziehen, ohne dabei umgestoßen oder angerempelt zu werden, kein störendes Kindergeschrei und kein Blockieren der Gänge. So wird Bahnfahren wieder zu einem Erlebnis, zumindest für jene Menschen, die es sich dauerhaft leisten können.

Aber kaum hat die Bahn ein Problem aus der Welt geschafft, kommt das nächste Unheil auf sie zu. Die Lokführer haben die Verhandlungen für einen neuen Tarifvertrag am gestrigen erneut abgebrochen und drohen schon wieder mit Streik. Warum immer die, die man wirklich braucht. Einen Schaffner würde kein Fahrgast vermissen, den suchen sie bei Problemen sowieso vergeblich, aber Lokführer? Die Bahn wäre aber nicht die Bahn, wenn ihnen nicht auch hierzu etwas einfallen würde – der „Geisterzug“ – der führerlose Zug ist keine Zukunftsversion mehr. In der japanischen Stadt Kobe existiert schon ein vollständiger Ringverkehr ohne die lästigen Zugführer. Somit wäre dieses Problem dann auch aus Welt. Innovative Ideen bei der Bahn – Herzlichen Glückwunsch!    [...mehr]


Kategorie: Leben
17. Dezember 2007

Der Priester Yanadi Kondaiah verdiente im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh sein Geld als Wahrsager. Übersinnliche Fähigkeiten pflegte er auf sein “magisches” Bein zurückzuführen – ein fataler Fehler: In der vergangenen Woche machten zwei Männer ihn betrunken und sägten ihm mit einer Sichel das Bein ab. Yanadi Kondaiah hatte beiden in der Vergangenheit die Zukunft vorausgesagt.

In Deutschland wird selbstverständlich niemandem das Bein abgesägt. Aber das Online-Lexikon Wikipedia konstatiert, dass immerhin 51% der Bundesbürger abergläubisch sind – sei es, dass vierblättrige Kleeblätter Glück bringen, man nicht unter einer Leiter durchgehen darf, schwarze Katzen, Unglück bringen etc. Die irrationalen Tendenzen sind also vorhanden, wenn auch glücklicherweise nicht so ausgeprägt wie in Andhra Pradesh. Yanadi Kondaiah, heißt es, befindet sich auf dem Weg der Besserung.

Der Vorfall fegt durch die Medien, und rüttelt doch niemanden wach. Was als volkstümlicher Aberglaube abgetan wird, ist nämlich auch in Deutschland nicht unbekannt: Man betrachte nur mal die ausufernden Esoterik-Abteilungen der Buchhandlungen. Irratio, Kreationismus, Magie, Wunderglaube und Esoterik liegen im Trend. Eine bedenkliche Tendenz – auch ohne reißerische Beinräubergeschichten.    [...mehr]


Kategorie: Leben
7. Dezember 2007

Rund 30 Prozent aller US-Amerikaner lehnen die Evolutionslehre nach Darwin ab. Das ist, spätestens seit Dawkins‘ „Gotteswahn“, hinlänglich bekannt. Vor Kurzem berichtete die „Welt“, dass der Kreationismus auch in Deutschland Anhänger hat: Immerhin 10-12 Prozent der Bundesbürger, schrieb das Blatt, würden nicht an die Evolution „glauben“. Die Zeitung beruft sich auf Hansjörg Henninger, einen „Weltanschauungsexperten“ der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Es mutet schon paradox an, dass man einen Mann in Diensten der Kirche zu dem Thema heranzieht – schlimmer aber ist der Lapsus, der den Redakteuren offenbar unbewusst passiert: Sie sprechen vom „Glauben“ an die Evolutionstheorie, als sei die Frage, ob man Darwins Thesen akzeptiert, religiöser Natur, so wie die Frage nach Himmel, Hölle, Engeln und Auferstehung.

Das ist sie definitiv nicht. Darwins Erkenntnisse sind wissenschaftlich fundiert. Nun ist die Evolution zweifellos kompliziert, und man kann nicht von jedermann erwarten, mit ihr vertraut zu sein. Umso gefährlicher ist eine nachlässige Wortwahl. Für jemanden, der sich mit Darwin nicht gerade eingehend beschäftigt hat, stellen die Redakteure die Evolutionslehre durch das Verb „glauben“ dar, als sei sie eine Sache der persönlichen Auslegung. Und bereiten damit, langfristig, Kreationisten einen furchtbaren Nährboden.

Ich will die Absichten der Redakteure nicht infrage stellen. Ihr Artikel, im Übrigen anlässlich der Eröffnung eines „Schöpfungsmuseums“ in den USA, ist polemisch und hält von derlei fundamentalistischem Bibelverständnis offensichtlich nichts. Aber möglicherweise richten sie mit dem kleinen Wort mehr Schaden an, als sie zu verhindern suchten.    [...mehr]


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